Die unerträgliche Leichtigkeit des Coinflips
Wer kennt sie nicht die Situation: Man ist mit einem Pärchen auf
der Hand All-In gegen Overcards zb. 22 gegen AK. 55% Chance für das Paar und
45% für die Overcards – Ein klassischer Coinflip, zu Deutsch ein Münzwurf.
Eine Standardsituation in jedem Texas Hold'em Turnier. Wirklich
eine Standardsituation? Je mehr Coinflips ich erlebe, desto komischer kommt mir
die ganze Sache vor. Ist Poker etwa doch ein Glücksspiel? Da taktiert man den
ganzen Abend und die ganze Nacht lang und dann reduziert sich plötzlich alles
auf eine billige Coinflip-Situation. Ein tristes Glücksrad für zwei Spieler,
die nur noch völlig machtlos zusehen können.
Coinflips erscheinen geisterhaft. Die Karten werden einfach so
aufgelegt, ohne das jemand wettet. Die Spieler stehen oft neben dem Tisch und
können es kaum aushalten. Sie beschwören ihre jeweiligen Götzen, um jeden noch
so kleinen Aberglauben-Edge mitzunehmen. Der eine hofft, dass sein Paar hält.
Der andere hofft fieberhaft, dass er noch etwas trifft und so ein höheres Paar
macht.
Am Ende gibt es einen Gewinner und einen Verlierer im großen
Nullsummenspiel der Laune namens Poker. Eigentlich hasse ich Coinflips. Andererseits
liebe ich den Moment in dem alles auf der Kippe steht und ich den Mächten des
Schicksals völlig ausgeliefert bin. Ist das etwa der Spielsucht-Kick oder gar
die Ursache? Poker ist natürlich kein Glücksspiel und es ist eine taktische
Entscheidung, überhaupt in einer Coinflip-Situation zu sein oder eben nicht.
Ich würde so gerne an etwas glauben und wenn es nur Reverse-Psychology
ist. Wen soll ich beschwören? Den Gott der Stochastik, der mir 5% mehr Chance
mit meinem Pärchen gibt? Budddha, der in meiner Vorstellung irgendwie aussieht
wie Johnny Chan? Den Geist von Stu Ungar? Der hätte wohl nur an die nächste
Line Koks gedacht. Nächstes mal mach ich es einfach wie Daniel Negreanu oder
Mike Matusaw – so lange labern bis der Coinflip vorbei ist und dann
weiterlabern…